Meerkirche Langeoog - Insel fürs Leben
Das Leben war in alten Zeiten auf den Inseln oft bedroht. Die große Weihnachtsflut auf Langeoog zerstörte 1717 weite Teile der Insel. Über 100 Jahre gab es dann keine Kirche mehr und manchmal auch keinen Pastor. Raue Zeiten. Doch eine Insel ohne Kirche war für die Menschen undenkbar. So wurde wieder eine neue gebaut. Und immer wieder vergrößert, weil mit dem wachsenden Tourismus auch die Zahl der Gäste zunahm, die zum Gottesdienst wollten. Durch den modernen Deichbau ist eine solch zerstörerische Flut heute eher unwahrscheinlich geworden. Gut, dass es eine Insel zum Leben ist.
Die ersten 100 Tage meines Lebens als Inselpastorin liegen nun hinter mir. Vieles gibt es, was mir gut gefällt: die Nähe untereinander und dass man sich über den Weg läuft. Es gibt nicht zu viel, aber auch keinen Mangel. Gastronomie, Schwimmbad, Kino, Schule, Ärzte, alles ist da, was man braucht. Und was nicht da ist, braucht man nicht.
Wer neu auf die Insel kommt, wie ich, wird feststellen, dass das Leben hier auch besonders ist. Am augenfälligsten: Es gibt keine Autos (ich habe meines keinen einzigen Tag vermisst), dafür gibt es einige E-Karren, die Koffer und gelbe Säcke transportieren oder die leeren Getränkekästen vom Straßenrand abholen. Ein Bürgermobil, das liebevoll „Papamobil“ genannt wird, ist nur für Insulaner unterwegs, um mobilitätseingeschränkte Menschen auf der Insel zur Apotheke, Einkauf oder auch zur Teetafel zu fahren. Ansonsten: Fahrräder, Kinderwagen und allerlei verschiedene Handwagen. Einen eigenen Handwagenparkplatz gibt es am Inselbahnhof.
Alles ist ausgerichtet auf die zahlreichen Gäste und Urlauber. Und Mütter und ihre Kinder verbringen ihre Kurzeit in der entsprechenden Klinik hinter den Dünen. Neben dem Glockenschlag der Kirchturmuhr gibt auch immer das ratternde Geräusch der Rollkoffer Bescheid, wie spät es ist, weil soeben eine Fähre ankam.
Und die Natur auf Langeoog erst! Staunen über all die Farben und Formen, die eine Insel nur bieten kann. Die Vielzahl der Vögel und ihr Gesang sind unbeschreiblich. Das Meer, das jeden Tag anders ist und es sich daher schon lohnt, hier zu sein. Die Nachbarinseln auf Sicht und nur über den Weg über Land unerreichbar. Die Dünenlandschaft weit und grün und geformt wie sandgewordenen Wellen. Wie bergender Schutzraum vor den Stürmen in Natur und Seele. Und zwischen den Dünen wird im Sommer gesungen, jeden Dienstag, mehrere Hundert Menschen singen gemeinsam: Was für ein starkes Bild in dieser Zeit!
Die Inseln sind Kraftorte und ziehen Menschen an, die ihre eigenen Fragen und Nöte mitbringen. Wege kreuzen sich. Die Kirchen sind gut gefüllt. Abendsegen, Morgenbegrüßung, Musik. Hier wird gelebt, gebetet, aber auch die Kraft der Stille gesucht. Eine Insel zum Leben eben.