Meerkirche Baltrum - Dornröschen der Nordsee
„...die Kirche existiert nicht mehr, die Insulaner bargen angeblich die Hölzer des Dachstuhls und die Balken, aber die Mauern sind in die See hineingespült...Unter den acht Häusern auf dem jetzigen Westende findet sich auch die Wohnung des Predigers, der in demselben jetzt Kirche und Schule hält und sich so in der engen Behausung jämmerlich behelfen muss...“
(Aus dem Bericht des Landschaftlichen Administrators Beseke an die Königliche Kammer Hannover vom 22. Februar 1823)
Inseln wandern. Das Meer, die Stürme, vor allem die Sturmfluten verändern die Lage und das Aussehen der Inseln bis heute. Die Insel Baltrum hatte ihre erste Kirche dort, wo heute das Ostende der Nachbarinsel Norderney ist. Vier Kirchen sind in den Fluten der Nordsee untergegangen, bevor die – bis heute stehende – Alte Inselkirche 1826 gebaut wurde. 12 Bänke hat die kleine Kirche. Für jede Familie auf der Insel eine. Baltrum ist die kleinste der ostfriesischen Inseln und ein touristischer Nachzügler. Erst in den 1920er Jahren kamen in nennenswerter Anzahl Gäste für die „Sommerfrische“. Durch den Tourismus braucht es mehr Bänke und mehr Platz: 1930 wurde die ev. Inselkirche in der Ortsmitte eingeweiht. 32 Bänke, zusätzlich die im Seitenschiff und auf der Empore. Und obwohl die Insulanergemeinde weiterhin klitzeklein ist, ist die Kirche Sonntag für Sonntag gut gefüllt. Und wenn unter der Woche in der Alten Inselkirche zu Andachten eingeladen wird, sitzen die Gäste auf den Bänken, von denen einige Insulanerfamilien bis heute genau wissen, welche Bank zu ihnen gehört.
Baltrum ist die ruhigste Insel. Im besten Sinne des Wortes aus der Zeit gefallen. Ein bisschen wie Bullerbü: Mit Pferdekutschen, ohne Straßennamen, mit offenen Haustüren, an denen es keine Klingel gibt, mit Kindern die auf Bäume klettern. Im Winter schließt der Inselmarkt samstags um 12 Uhr und öffnet erst montags um 9 Uhr wieder. Kaninchen und Fasane laufen über die Straßen. Letztere klopfen bei Hunger auch an die Scheiben der Insulanerhäuser, im guten Vertrauen darauf, dass Haferflocken raus gebracht werden. Baltrum wird das Dornröschen der Nordsee genannt.
Baltrum ist aber auch eine aktive Vereins- und Ehrenamtlichen-Insel. Im Winter blüht die Gemeinschaft vor Ort auf, im Sommer arbeiten viele sieben Tage in der Woche. So wie Ebbe und Flut gehört beides zum Inselleben dazu. Bei allen Veränderungen hat die Kirche ihren festen Platz in der Mitte des Dorfes: Pfarrhaus, Gemeindehaus, Kirche. Egal von welcher Seite man kommt, ob vom Wattenmeer oder nach einem Strandspaziergang vom offenen Meer aus: man läuft direkt darauf zu. Wer näher kommt, sieht sofort was gerade los ist. Die große Fensterfront des Gemeindehauses gibt alles preis: die Teerunden, die bastelnden Kinder, die fröhlichen Musikanten. Ein paar Schritte weiter lädt die offene Kirchentür zum Innehalten ein: Ein Gebet, eine Kerze, ein paar Momente in der ruhigen Kirche, während leise schon die nächste Person eintritt und andächtig in Richtung Altar blickt.